Michael's Domain

The fact that everything looks different doesn't mean that all has changed

Glück gibt es nur mit Unglück

Der Psychologe Michael Mary über die
sexuellen Leiden in langjährigen Beziehungen.

SPIEGEL: Herr Mary, Ihr neuestes Buch (5 Lügen, die Liebe betreffend.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg) ist ein Schlag für alle
Paarungswilligen. Sie schließen kategorisch aus, dass eine harmonische
Langzeitpartnerschaft mit einer erfüllten Sexualität vereinbar ist. Wie
kommen Sie zu dieser niederschmetternden Bestandsaufnahme?

Mary: Durch meine Arbeit
und Lebenserfahrung. Die gängige Vorstellung, eine dauerhafte Beziehung
führen zu können, die auch noch leidenschaftliche Sexualität enthält,
ist einfach romantisch und irreal. Seit dem bürgerlichen Zeitalter
geistert diese Vorstellung in unseren Köpfen herum. Bis heute ist sie
nicht verwirklicht worden, obwohl sie immer aufdringlicher propagiert
wird. Noch nie war die Paarbeziehung so sexualisiert wie heute. Und noch
nie gab es so hohe Glückserwartungen.

SPIEGEL: Zur Sicherheit: Liebe und hemmungsloser Sex schließen sich aus?

Mary: Auf lange Distanz betrachtet: weitgehend. Langzeitbeziehungen sind
auf Harmonie und Vertrauen ausgerichtet. Sexuelle Leidenschaft - das
sagt ja schon das Wort - bedeutet aber, für seine Sehnsucht zu leiden.
Und das hält die harmonische Partnerschaft nicht lange aus. Auf der
sexuellen Bühne agieren wir am besten, wenn wir mit Fremdheit, Abenteuer
jonglieren, wenn wir das Spiel mit dem Unbekannten wagen.

SPIEGEL: Aber muss denn nach ein paar Jahren für immer der Vorhang
fallen?

Mary: Es gibt Ausnahmen. Nehmen Sie die Fernbeziehung. Wenn sich ein
Paar nur einmal im Monat sieht und ein leidenschaftliches Wochenende
miteinander verbringt, verzehrt es sich in der Zwischenzeit
nacheinander. So wird die Spannung immer wieder aufgebaut. In dieser
Dynamik können es die beiden lange miteinander aushalten.

SPIEGEL: Aushalten?

Mary: Ja, weil die vier Wochen dazwischen natürlich die Hölle sind.
Jeder vermisst den anderen, man telefoniert ständig. Und dann ziehen die
beiden doch irgendwann zusammen, weil sie es nicht mehr ertragen, und
nach drei Monaten oder einem Jahr stellen sie fest: Die Lust ist weg.
Das ist ganz normal.

SPIEGEL: Wie tröstlich.

Mary: Nun gibt es ja noch andere Konstellationen: Zu mir kommen auch
Paare, die über lange Zeit leidenschaftlichen Sex haben.

SPIEGEL: Na also. Aber irgendein Haken wird wohl auch dabei sein.

Mary: Wie man es nimmt. In diesen Fällen ist es tatsächlich vorwiegend
die Sexualität, die die Partner miteinander verbindet, sonst haben sie
nicht viel gemeinsam. Für die ist der Alltag mehr Qual als Freude.

SPIEGEL: Gibt es denn gar keine Lösung?

Mary: Genau das ist der neuralgische Punkt. Jeder sucht die glatte
Lösung für ein so widersprüchliches Thema wie Begehren und Dauer. Manche
meiner Kollegen haben es geschafft, den Leuten einzureden, dass es diese
glatte Lösung tatsächlich gibt, dass man eine leidenschaftliche
Beziehung und eine gute Partnerschaft unter einen Hut bekommt. Sie
bieten dann irgendwelche Rezepte an, von schwarzer Reizwäsche bis zu
verruchten Rollenspielen, und gaukeln den Leuten vor, damit käme alles
wieder ins Lot. Diese Machbarkeitsversprechen sind Illusion.

SPIEGEL: Wir haben verstanden: Gegen den Sexualnotstand ist nichts zu
machen, aber irgendeinen Hoffnungsschimmer müssen doch auch Sie den
Paaren mitgeben?

Mary: Die Leute sollten ihre Beziehungen nicht mit Erwartungen
überfrachten, denn gerade das führt zu ihrem vorzeitigen Ende. Wenn man
eine Beziehung sexualisiert, das heißt, wenn die körperliche
Anziehungskraft das Wichtigste ist, dann kommt man im zweiten Schritt
dahin, dass man die Beziehung pathologisiert. Denn dann heißt es
irgendwann: Wenn wir uns nicht mehr begehren, ist unsere Beziehung krank
und behandlungsbedürftig. Und das ist Blödsinn und schadet doch im
Grunde der sehr wertvollen Langzeitbeziehung.

SPIEGEL: Führt die Sexualisierung der Beziehungen zu den hohen
Scheidungszahlen? Trennen sich nun auch Paare, bei denen zwar die
Schlafzimmerfenster von innen nicht mehr beschlagen, die aber im übrigen
gut harmonieren?

Mary: Ich vermute das. Solche verunsicherten Leute kommen häufig in
meine Beratung. Ich versuche, die Paare dahin zu bringen, dass sie sich
nicht dauernd nach einem Soll-Zustand sehnen, sondern sich über den
Ist-Zustand ihrer Beziehung klar werden. Ich glaube nämlich nicht, dass
man viel an einer Beziehung ändern kann, aber man kann entdecken, wie
sie ist. Man sollte erkennen: Es geht hier nicht nur um mich und um
dich, sondern auch um die Beziehung, eben um diese drei Komponenten.

SPIEGEL: Eine triste Art Trias.

Mary: Die Bestandsaufnahme ist die Basis. Danach kann man erkunden, was
die Beziehung zum Erblühen oder zum Absterben bringt. Aber viel mehr
kann man meistens nicht tun.

SPIEGEL: Warum ist eine Partnerschaft denn so beratungsresistent? Die
zielorientierte Psychologie lehrt uns doch, dass der Mensch so ungeheuer
lernfähig sei.

Mary: Es ist so schwer, weil eine Beziehung aus den unbewussten Anteilen
zweier Persönlichkeiten entsteht. Man kann ihr mit bewusstem Wollen
nicht beikommen. Sie können sich ja auch nicht aussuchen, in wen Sie
sich verlieben. Und deshalb ist eine Beziehung nur bedingt zu steuern.
Man kann zwar einen Urlaub planen, aber man kann nicht garantieren, dass
dieser Urlaub auch wirklich schön wird.

SPIEGEL: Ein bisschen guter Wille könnte helfen.

Mary: Das kann aber auch schief gehen. Vielleicht steht gerade eine
Auseinandersetzung an, aber man hat sich ja vorgenommen, einen
harmonischen Urlaub hinzukriegen, der der Beziehung einen Kick gibt. Man
kann Glück in Beziehungen nicht einfach machen, das geht auch im
sonstigen Leben nicht.

SPIEGEL: Eine ganze Ratgeberindustrie behauptet das aber.

Mary: Fatalerweise. Aber Glück existiert nur im Kontrast zum Unglück.
Wie soll man wissen, ob man glücklich ist, wenn man das Gegenteil nicht
erfahren hat? Wer aber Rezepte verkauft, wie man nichts als glücklich
wird, macht die Menschen unglücklich, weil er ihnen den Kontrast nimmt
und sie somit direkt in die Langeweile treibt. Ein Therapeut, der sagt:
Das Leben ist ein Prozess, da gibt es Höhen und Tiefen, und man kann
lernen, mit den Tiefen umzugehen, so dass man nicht allzu großen Schaden
nimmt, ein solcher Psychologe leistet wertvollere Arbeit als Anbieter
all dieser Lösungsversprechen.

SPIEGEL: Seit wann lassen wir uns weismachen, Glück sei ein seelisches
Grundnahrungsmittel und man könne die Rezepte in der
Bahnhofsbuchhandlung kaufen?

Mary: Der Boom auf dem Ratgebermarkt hängt mit der materiellen Sättigung
zusammen. Die Leute haben lange gedacht, mit dem Wohlstand komme das
Glück. Nun wissen sie, dass es keinen zwangsläufigen Zusammenhang gibt.

SPIEGEL: Keine wirklich überraschende Erkenntnis.

Mary: Doch, für viele Menschen schon, weil es jetzt spürbar ist und
nicht bloß geistige Erkenntnis. Besonders in den USA, von wo ja die
meisten Psycho-Trends kommen. Früher hieß es dort: Du kannst alles
werden, was du willst, Präsident oder reich wie Bill Gates. Hauptsache,
du willst es. Jetzt geht es um die Eroberung der Innenwelt. Nun heißt
es: Du kannst dir das Gefühl aussuchen, das du haben willst.

SPIEGEL: Und wenn es - wie zu erwarten ist - nicht klappt ...

Mary: ... dann fühlt man sich natürlich als Versager und sucht den
Fehler bei sich und nicht etwa bei den Experten.

SPIEGEL: Wie soll sich denn ein sexuell freudloses Paar, das sich
tüchtig liebt, nun verhalten? Etwa jahrelange Abstinenz?

Mary: Das wäre eine Möglichkeit. Es gibt mehr Paare, die ganz auf Sex
verzichten, als Sie glauben. Und wenn es für beide erträglich ist, warum
nicht?

SPIEGEL: Dem Seitensprung können Sie wohl gar nichts abgewinnen?

Mary: Doch, das ist eine schöne Sache, solange das den Regeln der
jeweiligen Partnerschaft entspricht. Da gibt es keine Norm. Ich hatte
mal den Fall einer Frau, die ihrem Partner zwar Fremdgehen zugestanden
hatte, aber keine Details wissen wollte. Als der Mann ihr doch eine
Affäre beichtete, musste sie zugeben, dass es sie zwar kränkte, aber
auch stimulierte.

SPIEGEL: Wenn alles nichts hilft, bleibt ja nur noch der Gang zum
Familiengericht. Eine Scheidung ist ja heutzutage, besonders im
Wiederholungsfalle, immer noch ein gesellschaftlicher Makel, oder?

Mary: Von diesen Normen sollte man sich befreien. Es ist unsinnig, eine
an sich harmonische Beziehung aufzugeben, nur weil die Leidenschaft weg
ist. Und es ist ebensolcher Quatsch, aus gesellschaftlichen Gründen eine
zerrüttete Beziehung aufrechtzuerhalten. Nun ja, es gibt Leute, die
Kanzler Schröder oder Außenminister Fischer die zerbrochenen Ehen als
Scheitern vorwerfen. Man könnte aber auch sagen, sie hätten drei
Beziehungen ausgekostet.

Das Gespräch führten Joachim Kronsbein und Susanne Beyer.
Michael Mary, 48, lebt als Paartherapeut und Autor in Mecklenburg.


© Michael Jeltsch 2006

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